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Interview

Im Sturzflug Interview: Timo Riske

Heute sprechen wir mit Timo Riske (@PFF_Moo), seines Zeichens Data Sciencist bei PFF, über die Falcons: Was können wir vom Arthur Smith Scheme erwarten? Und was tun mit dem vierten Pick?

Zuallererst, Timo, du bist Bucs Fan, also gratulieren wir dir erstmal zur Super Bowl! Wie fühlt es sich an als Kopie der Falcons (OL-Investment plus WORKHORSE Back) besser als das Original zu enden?

Super Bowl fühlt sich natürlich gut an, aber ich glaube, das mit der Kopie der Falcons ist nicht zu 100% akkurat. Die Buccaneers haben seit 2017 sieben top 100 Picks in die wertvolle Secondary-Position gesteckt, mehr als jedes andere Team. Die Falcons stehen dort bei zwei solchen Picks, nur sechs Teams haben weniger investiert. Das scheint mir der wesentliche Unterschied zu sein, warum die beiden Roster seit 2016 in solch unterschiedliche Richtungen gegangen sind.

Arthur Smith hat einen mediokren okayen QB in Ryan Tannehill zu guten Ergebnissen geführt. Seine Offense gilt mit dem intermediate play action crosser als sehr QB freundlich und sollte auch jungen QBs einfachere Reads geben. Würdest du lieber Matt Ryan oder einen Rookie QB in dem System für 2021 starten sehen?

Die Frage, welchen QB man lieber starten würde, ist schnell beantwortet: Natürlich Matt Ryan. Er hatte in einem play action-lastigen outside zone scheme (41% der Runs der Falcons in 2016 waren outside zone runs) die beste Saison seiner Karrieren und Arthur Smith war mit 45% in Tennessee sogar outside zone-lastiger als Shanahan und McVay letzte Saison. Das System sollte im grundsätzlich liegen.

Allerdings ist die Frage, wen man in 2021 starten sehen würde, nicht gleichzusetzen mit der Frage, ob sie nicht trotzdem einen Rookie QB draften sollten mit ihrem diesjährigen Draftkapital, das in naher Zukunft nie höher sein wird, wenn man mit Matt Ryan weitermacht. Wenn man die Chance bekommt, sollte man einen Rookie QB draften und dann liegt es auch nahe Matt Ryan zu traden. Er sollte zwar weniger Tradegegenwert als Stafford generieren können, da er drei Jahre älter ist und seine physischen Voraussetzungen wahrscheinlich weniger geschätzt werden als die von Stafford, aber ein First-Round-Pick wäre wahrscheinlich drin. Das würde den Rebuild in Atlanta einläuten, der aber schneller gehen könnte als man denkt.

Bei der QB heat map auf rbsdm.com sieht man, dass sich Falcons Fans auf deutlich weniger 5-yard Hitches und checkdowns freuen dürfen, dafür aber die intermediate throws deutlich häufiger werden sollten.

Ist das eine berechtigte Annahme, oder liegt das auch an einem stilistischen Unterschied zwischen Matt Ryan, dem bereits ein Nudelarm nachgesagt wird, und Ryan Tannehill?

Wenn ich mir die Routen der Receiver anschaue, so lässt Arthur Smith tatsächlich weniger shallow routes laufen als das in Atlanta letztes Jahr der Fall war und da seine Philosophie ansonsten ähnlich aussieht — mehr die Mitte als die Sideline attackieren —, gibt es keinen wirklich Grund anzunehmen, dass Smith seine Scheme groß ändert. Wir können also davon ausgehen, dass die Falcons die Intermediate Range über die Mitte des Feldes nächstes Jahr gezielter attackieren und dafür weniger shallow routes laufen.

NGS hat die Titans Receiver mit recht wenig Separation at Target, und deutlich unter den Falcons Receivern, die in einem schwierigeren Scheme spielten. Ist das Scheme von Arthur Smith doch nur Mittelmaß im Kreieren von offenen Würfen? Sind die Titans WR einfach schlechte Separator? Oder liegt es an Tannes Reads? Oder muss man NGS als Datenquelle da etwas hinterfragen? 

Separation at Target wie auf der NGS Website angegeben ist leider aus verschiedenen Gründen wenig aussagekräftig.

Erstens, misst es nur die Separation, wenn ein Receiver auch Target ist und dann misst es die Separation zum Zeitpunkt der Ballankunft. Insbesondere spielt der Quarterback dort eine sehr große Rolle mit seinem Decision Making sowie seinem Timing, seinem Ball Placement. 2 Yards Separation beim Catch kann sowohl ein paar Inches als auch 10 Yards Separation zum Zeitpunkt des Wurfs gewesen sein.

Zweitens, hängt die pure Separation generell von vielen Faktoren ab, wie z.B. Route depth, Receiver alignment (Slot, Outside, Backfield) oder Coverage scheme. Separation gegen man coverage ist z.B. generell niedriger und gegen kein Team wurde öfter man coverage gespielt als gegen die Titans (45%). Die Falcons lagen z.B. mit 34% nur auf Platz 18 in der Hinsicht.

Drittens, ist Separation an sich nicht das beste Maß um das Scheme zu messen. Viel entscheidender ist Field Control. Wenn ein Receiver bei einer 4-yard hitch 3 yards separation hat, aber ein Linebacker und Safety sind schon in seinem Rücken im Anflug, dann ist das nicht wirklich wertvoll für die Offense. Wenn jedoch ein Receiver bei einer 4-yard slant, 1 yard separation von einem Linebacker hat und vor ihm das Feld 20 yards offen ist, dann ist das sehr wertvoll für die Offense.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich würde in diese Zahlen nicht viel reininterpretieren

Vom Positional Value her sollte es keine Debatte geben: Die Falcons müssen auf #4 QB picken. Sie werden selten wieder so hoch picken und Matt Ryan ist nicht mehr der jüngste. Gibt es ein Szenario wo du dir vorstellen kannst, dass einen anderen Weg zu gehen sinnvoll sein könnte?

Wie oben schon erwähnt ist QB an #4 der richtige Weg oder vielleicht sogar an #3, wenn die Dolphins keinen QB wollen. Das einzig andere Szenario ist natürlich ein unmoralisches Angebot, falls die Dolphins Penei Sewell, Kyle Pitts oder einen WR gedraftet haben und unbedingt jemand an #4 will.

Aber eines steht fest: Einen Nicht-Quarterback an #4 zu picken wäre eine Katastrophe, völlig egal welch generational talents Penei Sewell, Kyle Pitts oder Ja’Marr Chase sein mögen.

Also doch lieber QB auf #4. Mit für Falcons-Fans typischem Pessismus: Welchem der Big Four QBs würdest du am wenigsten Erfolgsaussichten geben in der Arthur Smith Offense?

Ich denke, dass Trevor Lawrence in fast jeder Offense spielen kann, also auch in Arthur Smith’s offense. Aber an ihn werden die Falcons eh nicht rankommen. Von den restlichen vier gehandelten First-Round Picks halte ich alle für geeignet in Smith’s Offense zu spielen, von daher nehme ich einfach den QB, von dem ich am wenigsten halte: Mac Jones’ ceiling ist im Idealfall Kirk Cousins oder Ryan Tannehill, zwei QBs, die in Smith’s (oder verwandten) Scheme aufblühen, aber trotzdem sollte er es an #4 dann doch nicht sein.

Mit Trey Lance sollte man natürlich nicht genau dieselbe Offense spielen, die Smith in Tennessee gespielt hat, aber man kann das Shanahan scheme ja auch so wie Kubiak und Stefanski interpretieren und die Pocket öfter verlassen. Ein bisschen QB Power kann ja auch nie schaden.

Okay, angenommen es geht nicht alles schief. (lol) Welcher QB wäre der best Case auf #4 deiner Meinung nach?

Wie gesagt, wir gehen wieder davon aus, dass Trevor Lawrence sowieso an #1 geht. Dann ist Zach Wilson wohl die beste Chance, zumindest für das 4-jährige Fenster, das sich durch den Rookie Deal öffnet. Er hat dasselbe Scheme schon im College gespielt und sollte damit eine hinreichend hohe Chance haben, in den ersten 4 Jahren gut genug zu spielen um zusammen mit einem guten Roster ein Playoff contender zu werden. Dafür müsste allerdings der Rebuild in dieser Offseason mit der Trennung von Matt Ryan schon eingeleitet werden, sonst ist das Roster nicht rechtzeitig stark genug um das Fenster auszunutzen.

Das Problem hierbei ist natürlich, dass genau dasselbe Argument für die Jets gilt, die mit Mike LaFleur einen direkten (sportlichen) Nachkommen von Kyle Shanahan als Offensive Coordinator verpflichtet haben. Nicht umsonst ist Wilson bei den Buchmachern im Moment klarer Favorit als zweiter QB vom Board zu gehen. Im realistischen best case sollten die Falcons daher lediglich die Auswahl zwischen Justin Fields und Trey Lance haben.

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