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Im Sturzflug Interview: Adrian Franke

Wir löchern in dieser Ausgabe Adrian Franke, NFL Ressortleiter bei SPOX, zur Offseason der Falcons. Rebuild? Reload? Aaron Jones und Dante Fowler?! Lest alle seine Takes hier, im Sturzflug Interview.

Die 2021 Falcons machen einen Regimewechsel. Was ist deine Meinung zum Hiring von HC Arthur Smith und GM Terry Fontenot?

Der ganze Head-Coaching-Circle in diesem Jahr war irgendwo kurios mit mehreren unerwarteten Verpflichtungen, und Arthur Smith ist – bei allem Respekt vor Nick Sirianni – der einzige in diesem Jahr verpflichtete Head Coach, der wohl in die “Offensiv-Guru”-Kategorie fallen würden. Neben Urban Meyer, zugegeben, doch wird der nicht als Play-Caller fungieren und scheint eher die CEO-Head-Coach-Rolle anzustreben.

Das bringt für die Teams große Fragen mit. Wie etwa wird die Chargers-Offense für Justin Herbert aussehen? Was machen die Lions mit Goff? Und hat Robert Saleh den richtigen Coach aus San Francisco mitgebracht, um die Shanahan-Offense zu installieren?

In Atlanta gibt es diese Frage nicht. Wir wissen, wie die Arthur-Smith-Offense aussieht, zumindest in Grundzügen. Vielleicht wird er, weg von Mike Vrabel, den Run-Fokus ein wenig runterschrauben, er wird sicher an ein paar Stellschrauben drehen. Aber vom Kern her wird es die Outside-Zone-Play-Action-Offense sein, die Falcons-Fans natürlich noch in bester Shanahan-Erinnerung haben.

Und das ist für mich auch der große springende Punkt: Wir wissen nicht, ob Arthur Smith ein guter Head Coach sein wird, und rein was die Persönlichkeit angeht und den Eindruck, der entsteht, bin ich da bei Brandon Staley oder auch Robert Saleh zuversichtlicher. Aber wir wissen, dass er eine Offense mitbringt, in der Matt Ryan glänzend funktioniert, eine Offense, für die in Atlanta immer noch einige Bausteine vorhanden sind.

In der Hinsicht sollte es ein schneller Übergang werden, weshalb für mich die Ryan-Trade-Gedanken spätestens mit der Verpflichtung von Smith auch vom Tisch waren. Ich denke, dass Atlanta einen schnellen Umbruch anpeilt und mit Ryan und Smith durchaus die Chance sieht, über die nächsten 3 Jahre nochmal einen Playoff-Run hinzulegen.

Was den GM-Posten angeht: Ehrlicherweise finde ich es bei GM-Kandidaten extrem schwierig, zu sagen, was genau derjenige mitbringt. Zu wenig wissen wir schlicht über die internen Aufgabenteilungen und dementsprechend auch darüber, was der entsprechende Kandidat bei seinem vorherigen Posten geleistet hat, welche Entscheidungen er getroffen hat, wofür er Lob und wofür er Kritik verdient.

Bei Fontenot ist zumindest die generelle Richtung offensichtlich, nach zehn Jahren als Scout und dann nochmal sieben Jahren als Director of Pro Scouting bei den Saints. Aber er hat auch letztes Jahr Erfahrung als stellvertretender GM und in puncto Kaderplanung gesammelt, er genießt einen sehr guten Ruf in NFL-Kreisen. Ich denke, dass Atlanta hier eine gute Entscheidung getroffen hat.

Die Begriffe “rebuild” vs. “reload” werden viel herumgeworfen derzeit… Siehst du im Atlanta Kader eine Chance, 2021 kompetitiv zu sein, oder ist es besser alles niederzureißen und von vorne anzufangen?

Ich würde darauf so antworten: Der Kader ist zu gut, als dass ich bereit wäre, ihn komplett einzureißen. Denn so sehr ich ein Fan davon bin, wenn man einen Umbruch anpeilt, diesen auch mit der notwendigen Konsequenz durchzuführen (siehe Miami, siehe Cleveland, siehe Jacksonville), bin ich doch auch der Meinung, dass eine solche Kader-Grundsanierung wohlüberlegt sein will. Ein radikaler Umbruch kann nicht nur länger dauern als geplant, er kann auch etwas mit der Außendarstellung einer Franchise machen, nicht nur mit der medialen Außendarstellung, sondern mit der Art und Weise, wie Spieler – und mögliche Free Agents – sowie Coaches – und mögliche spätere Head-Coach-Kandidaten – die Franchise wahrnehmen.

Atlantas Kader ist für mich nicht an dem Punkt, an dem man alles einreißen muss. Sicher, Julio Jones hat ein wenig abgebaut, und Matt Ryan ist auch nicht mehr der Quarterback, der er vor 5 Jahren war. Aber ist er immer noch ein guter Quarterback? Absolut. Atlanta hat neben Ryan und Julio mehrere gute Bausteine in der Offensive Line, Calvin Ridley, der den Sprung zum Nummer-1-Receiver geschafft hat, einen guten Tight End und defensiv zumindest mal eine grobe Achse, bestehend aus Grady Jarrett, Dante Fowler und Deion Jones.

Ich sehe die Falcons als ein Team, das mit ein paar guten Entscheidungen in dieser Offseason 2021 um eine Wildcard mitspielen kann. Auch weil ich denke, dass dieses Team über die letzten beiden Jahre signifikant schlechter ausgesehen hat, als die Qualität im Kader vermuten lassen würde, sprich: In diesem Kader steckt mehr als der Record vermuten lassen würde. Gerade defensiv hat man ja den Unterschied im Laufe der vergangenen Saison gesehen, als Quinn weg war und Raheem Morris übernommen hat.

Was sind deiner Meinung nach die größten Baustellen des Rosters der Falcons?

Die Secondary. A.J. Terrell mag sich noch in einen soliden Cornerback entwickeln, aber selbst wenn das passiert, ist er der einzige Fixpunkt, den ich da aktuell sehe. Ricardo Allen ist schon weg, Keanu Neal und Damontae Kazee werden Free Agents, Isaiah Oliver ist…vielleicht mal eine solide Nummer 2, kurzum: Hier reden wir vermutlich von drei neuen Startern, und die sind auch dringend notwendig. Ich bin gespannt, welche Art Defense Atlanta unter Dean Pees – tolle DC-Verpflichtung von Smith an dieser Stelle – spielen werden. Aber ich würde es gerne sehen, dass sie sich dafür am meist signifikant unterschätzten Safety-Markt in der Free Agency bedienen, um die Defense so zu stabilisieren. 

Auch wenn es vermutlich nur Offseason-Smokescreen ist: Wo liegt für dich der Trade Value von Matt Ryan und Julio Jones?

Sollte Atlanta diesen extremen Weg tatsächlich einschlagen, würden die Verträge der beiden ihnen ziemlich sicher helfen. In dem Fall ginge es für die Falcons ja darum, maximales Draft-Kapital zu generieren, der eigene Dead Cap würde eine untergeordnete Rolle spielen.

Traden die Falcons Ryan in diesem Jahr, reden wir von einem Dead-Cap-Hit in Höhe von 44,4 Millionen Dollar. Da würden selbst die Rams die Hände vors Gesicht schlagen. Aber Ryan wäre im Umkehrschluss eben auch sehr günstig für sein neues Team, da sprechen wir von einem Cap Hit von rund 25 Millionen Dollar jeweils für die kommenden beiden Jahre. Ein echtes Schnäppchen, und dementsprechend könnte Atlanta auch einen höheren Preis verlangen. Ich würde aus Falcons-Stelle einen First- und Second-Round-Pick verlangen.

Julio Jones würde ebenfalls einen Dead-Cap-Hit jenseits der 20 Millionen Dollar zurücklassen und mit einem Base Salary in Höhe von 15 Millionen 2021 und 11,5 Millionen je 2022 und 2023 kommen. Jones mag nicht mehr der ultra-dominante Receiver von vor einigen Jahren sein, aber er ist immer noch ein Top-10-Receiver und wäre ebenfalls ein Win-Now-Move. Auch hier würde ich einen Erstrunden-Pick aus Falcons-Sicht verlangen.

Hast du einen Free Agent, bei dem du sagst: “Ja, der passt nach Atlanta!”?

Anknüpfend an die Baustellen-Frage würde ich hier auch mal in Richtung Secondary blicken. Wenn wir davon ausgehend, dass Dean Pees “seine” Defense mitbringt, dann reden wir von einer sehr flexiblen, von Hybrid-Spielern geprägten Defense, die kaum mal im Base-Personnel auf dem Feld steht und extrem aggressiv sein kann.

Das sollte Spielern wie Jarrett und Fowler mehr Eins-gegen-Eins-Situationen bescheren und die Falcons defensiv von ihrer ganzen Herangehensweise her gefährlicher machen – aber natürlich funktioniert das nur, wenn man auch entsprechend dahinter covern kann. Und Pees braucht bevorzugt Safeties, die eben in die Box rücken, blitzen, aber sich auch im nächsten Play tief in Coverage fallen lassen können.

John Johnson wäre ein Name, der mir hier sehr gut gefallen würde. Der hat sich im Laufe der vergangenen Saison zu einer Art Man-Crush bei mir entwickelt, eben weil er in einer komplexen Rams-Defense, die viel von ihren Safeties verlangt hat, ein elementarer Baustein war. Er wurde in der Box eingesetzt, er spielte Slot-Corner, er spielte Free und Deep Safety. Ich bin gespannt, wie sein Markt aussehen wird, aber das könnte ein Spieler sein, der den Falcons endlich mehr Stabilität auf der Safety-Position verleiht.

Auf der anderen Seite des Balls, auch wenn ich das aus übergreifender Perspektive nur bedingt gutheißen könnte, wäre Aaron Jones ein sehr logischer Name. Falls sie eben den schnellen Umbruch anstreben, falls sie über die nächsten drei Jahre nochmal angreifen wollen, wäre Jones ein Name, den ich mir hier vorstellen könnte.

Arthur Smith hat jetzt in Tennessee über Jahre mit einem dominanten Running Back gearbeitet, und auch wenn Jones physisch ein sehr anderer Typ ist als Derrick Henry: Beide passen exzellent in dieses Scheme, wie Jones in Green Bay unter Ex-Titans-OC Matt LaFleur eindrucksvoll gezeigt hat. Er ist ein toller Outside-Zone-Runner, bringt aber auch echten Value im Passspiel als Receiver mit. 

Arthur Smith hat in Tennessee viel und gerne den Run gecallt, aber das hat auch Matt LaFleur. Wie lauflastig erwartest du die 2021 Atlanta Falcons?

Ich erwarte hier, verglichen mit seiner Offense in Tennessee, schon eine Tendenz in Richtung etwas mehr Passspiel, denn ich vermute, dass Mike Vrabel eine treibende Kraft hinter dem Run-First-Ansatz in Tennessee ist. Gleichzeitig ist auch klar, dass die Coaches aus diesem Coaching Tree das Run Game sehr wertschätzen, weil sie auf den Run-Designs viel im Passspiel aufbauen wollen.

Die Falcons waren in neutralen Spielsituationen in der vergangenen Saison im Liga-Mittelfeld was die Pass-Frequenz angeht. Die Titans waren auf dem letzten Platz, noch hinter New England und Baltimore. Meine Vermutung ist, dass die 2021er Falcons sich irgendwo in der Mitte dazwischen treffen werden.

Atlanta hat den #4 Pick, QB oder nicht QB?

Das sehe ich letztlich ähnlich wie den Fall Philadelphia, auch wenn die Eagles mit ihrem Kader sicher in einer ganz anderen Situation sind als die Falcons. Wenn es einen Quarterback in diesem Draft gibt, den die Franchise mag und der in ihre Draft-Reichweite kommt, dann sollte man zuschlagen.

Ich gehe davon aus, dass die Falcons in der kommenden Saison mehr Spiele gewinnen werden als in der vergangenen Spielzeit, und damit wären sie schon mal per se weiter von einem der Top-Quarterbacks im Draft entfernt als in diesem Jahr. Und wer weiß, ob die Klasse dann ähnlich vielversprechend daherkommt wie die diesjährige Quarterback-Gruppe

Anders gesagt: Wer weiß, wann die Falcons wieder die Chance auf ein derart gutes Quarterback-Prospect haben. Vielleicht nächstes Jahr, vielleicht in fünf Jahren, vielleicht in zehn Jahren.

Sollte also ein Quarterback an 4 noch verfügbar sein, den Atlanta mag, dann sollten sie unbedingt zuschlagen. Unabhängig davon, wie der restliche sportliche Plan für die kommende Saison aussehen mag.

Wenn QB: Welcher der Big 4 würde deiner Meinung nach am besten ins Arthur Smith System passen?

Zach Wilson wäre hier meine erste Antwort, einfach weil er einen exzellenten Arm hat, super komfortabel bei Rollouts und dergleichen ist und sehr kleine Passfenster routinemäßig bedienen kann. Muss er besser über die Mitte des Feldes und disziplinierter in seinen Reads werden? Ja. Aber die Art Passing-Offense, die Smith mit Tannehill in Tennessee gespielt hat, wäre in meinen Augen trotzdem der ideale Spot für Wilson.

Aber ich würde hier noch einen anderen Namen anbringen, der für mich aus Spieler- und aus Team-Sicht eine äußerst gute Wahl sein könnte, und das ist Trey Lance.

Rein physisch ist das Talent wahnsinnig beeindruckend – aber Lance ist auch noch echt roh. In Atlanta ein Jahr hinter Matt Ryan zu sitzen, sich an NFL-Speed zu gewöhnen, sich technisch (!) weiterzuentwickeln unter NFL-Coaches und dann 2022 zu starten: Das wäre das perfekte Szenario für Lance.

Wenn nicht QB: Siehst du einen anderen Spieler, der den Value auf #4 rechtfertigen könnte und warum ist die Antwort “Downtrade”?

Always trade down!

Ganz klar. Wenn die Falcons keinen der verfügbaren Quarterbacks haben wollen, dann wird es mit hoher Sicherheit ein Team geben, das für einen hochkommen will. Und dann sollte Atlanta diese Chance nicht ungenutzt lassen, das wäre die große Gelegenheit, den Kader schnell wieder Playoff-flott zu machen.

Wenn wir mal rein auf die Spieler schauen: Gehen wir davon aus, dass an 1 und 2 Quarterbacks und an 3 ein Receiver oder Offensive Tackle geht, dann hätte Atlanta an 4 immer noch die Wahl aus mindestens zwei exzellenten Wide Receivern – und einem Tight End in Kyle Pitts, der eine Offense revolutionieren kann.

Sagen wir, Atlanta hätte die Möglichkeit, Ja’Marr Chase zu dieser Receiver-Gruppe hinzuzufügen. Oder DeVonta Smith. Und so kurzfristig das gefährlichste Wide-Receiver-Trio der Liga aufzubieten, sowie langfristig bereits den Julio-Jones-Ersatz im Team zu haben. Das wäre für mich in dem Szenario (“kein Quarterback, kein Downtrade”) komplett zu rechtfertigen.

Und auch über Pitts würde ich hier nachdenken. Ich weiß, dieser Begriff wird viel zu locker verwendet, aber Pitts könnte tatsächlich ein “Generational Talent” sein.

Generelle Aussicht auf die nächsten paar Jahre: Die NFC South hat einen Generationswechsel vor sich, welches Team ist findest du derzeit langfristig am besten aufgestellt, um die Division kontrollieren zu können?

[hier Witz über Bradys Alter und wie lange er noch spielen will einfügen]

Nein, die Division ist tatsächlich sehr weit offen, wenn wir die langfristige Perspektive einnehmen. Die Bucs sind natürlich kurzfristig der Favorit, während die Saints vor einem größeren Umbruch stehen und Atlanta zumindest etwas Zeit brauchen wird, um dann im besten Fall wieder ganz oben anzugreifen.

Tatsächlich sind es sehr viele sehr offene Fragen, wenn man wirklich eine langfristige Prognose abgeben will und ich vermute auch, dass die Division heute in zwei Jahren ein krass anderes Gesicht haben wird.

Müsste ich ein Team heute auswählen, das ich in drei Jahren vorne sehe, dann wäre mein Tipp vielleicht sogar Carolina. Einfach weil die Panthers die erste Phase ihres Rebuilds hinter sich haben und jetzt auf Quarterback aggressiv vorzugehen scheinen. Carolina hat viel junges Potenzial in der Defense, da erwarte ich über die nächsten zwei Jahre eine klare Entwicklung, und falls die Panthers wirklich Deshaun Watson landen – oder an 3 hochtraden für einen Quarterback – könnte Carolina bald einen größeren Sprung machen und sich langfristiger an der Spitze der Division etablieren.

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